Gerd Hötter

Werke

Letzlich handelt es sich bei den Little-People-Bildern um Halluzinationen. Ähnlich denen beim Charles-Bonnet-Syndrom. Dem Schweizer Arzt, nach dem dieses Syndrom benannt ist, war im 18. Jh. aufgefallen, dass sein fast erblindeter Großvater lebhaft halluzinierte und er hatte dies als Kompensation des Mangels an Sehreizen gedeutet. Die am Charles-Bonnet-Syndrom Erkrankten sehen häufig „bunte kleine Personen“ (Apothekenrundschau 2020) – wobei sie sich bewusst sind, dass es sich bloß um Einbildungen handelt. Ich frage mich ob dieses Halluzinieren aufgrund der Unzulänglichkeit von Außenreizen nicht den Mechanismus von Kunst und Literatur überhaupt beschreibt bzw. einer bestimmten Art von Kunst und Literatur, die den Träumen besondere Bedeutung zuspricht, diesen universal menschlichen allnächtlichen Halluzinationen.

Die „Little people“ treiben ihr Unwesen in unserem allerheiligsten privaten Raum, z.B. zwischen Blumentöpfen. Welches sind ihre Absichten? Wer sind sie? - Abenteuerlustige Kosmonauten, bösartige Kolonisatoren, harmlose Touristen ... ?

GH

Auch wenn die jeweiligen Absichten sich unterscheiden, irgendwo werden wir im Fluss der Zeit alle mit derselben Geschwindigkeit dahingetragen.
Haruki Murakami, Afterdark

In der Unteransicht entfaltet sich das barocke Spiel der Verkürzungen, die dem Bildraum Tiefe verleihen – dadurch, dass die Köpfe nach hinten in ihn hineingekippt sind. In der Tradition kommt sie vor allem beim Herrscherportrait vor, als klassische Adorationsperspektive, die den Betrachter unterwirft. Durch die Übertreibung der Unteransicht, manchmal bis kurz vor den Punkt , an dem das Gesicht „verloren“ geht, durch die Fokussierung auf Mund und Nase, in leichter Rötung erblühend, sozusagen auf die „Oralität“ und „Nasalität“ der Menschen, wird aber ganz im Gegensatz zur Ideologie des Herrscherportraits dasjenige hervorgehoben, worin alle Menschen radikal gleich sind, ihr Körperhaftes, Kreatürliches, Biologisches.
GH